Muss Chemnitz sterben, damit wir leben können?

Schon lange schwelt in Chemnitz ein Konflikt. Leichtfertig könnte man es auf Alt gegen Jung reduzieren, aber das Problem ist deutlich vielschichtiger und der Wegzug des Club Atomino vom Brühl nehme ich zum Anlass meine Gedanken dazu aus zu schütten.

In einem Gespräch mit einem äußerst negativ und stur eingestellten Hausbesitzers am Brühl, wurde unterstellt, dass die Brühlbelebung darauf ausgelegt sei, dass jede Nacht Party im Viertel ist. So wie ein permanente Bunte Republik. Dass Familien, mit kleinen Kindern immer zwangsläufig 6 Uhr morgens aufstehen müssten und wenn seine Mieter ausziehen, das einer Enteignung gleichkommt. Er meinte, dass junge Menschen doch im vorderen Bereich des Brühls wohnen könnten, und er nicht jeden Monat neuen Studenten als Mieter begrüßen will.

Das hat mich die folgenden Tage sehr beschäftigt. Er würdigte die große Leistung der Kultursommer Crew in keinster Weise und ließ mich spüren, dass ihm der aktuelle Zustand tausend mal lieber sei, als jede Form von Belebung. Diese Haltung war beispielhaft für das Chemnitzer Problem.

Eine räumliche Aufteilung in Interessengruppen halte ich übrigens für rassistisch diskriminierend. „Du darfst da nicht als Single und Künstler wohnen, denn der Bereich ist nur für Familien“ WTF?

Auf der einen Seite jammern alle, dass unsere Stadt nichts zu bieten hat, der Brühl früher viel schöner war, in der Innenstadt zu wenige Leuchtturm-Events stattfinden, etc. Auf der anderen Seite, will man vor seiner eigenen Tür ab 22 Uhr Totenstille. Keine Gespräche, keine Musik und schon gar keine alternativen Lebensentwürfe!

Chemnitz ist nicht Leipzig, ist nicht Dresden, ist nicht Berlin. Und das ist gut so. Doch mit Einstellungen, wie der des Hausbesitzers (und viele Chemnitzer scheinen ähnlich zu ticken), vergraulen wir die Letzte, die sich hier den Arsch so richtig für Chemnitz aufreißen wollen. Von diesen Menschen gibt es in Chemnitz nur eine überschaubare Menge. Darum ist das um so schlimmer. Die Stadtverwaltung scheint die Brühlbelebung diesmal wirklich ernst zu meinen und viele Akteure zeigen Interesse an den entstehenden Möglichkeiten. Sie wollen ihre Ideen nicht in Leipzig, Dresden, Berlin, Wien oder Brandenburg verwirklichen – Sie wollen das kulturelle Brachland in Chemnitz bevölkern.

Zum Leben in einer Stadt gehören nun mal Geräusche. Ob die Kehrmaschine, die zwei mal am Schlafzimmerfenster vorbei putzt; der laut blubbernde Diesel des Müllautos, dass gefühlt Stunden vor eben diesem Fenster herum seht; oder Menschen, die in ihr Telefon schreien, während ich versuche ein zu schlafen. In diesen Fällen, schließe ich einfach mein Fenster.

Und ja, ich habe schon einmal wegen Ruhestörung die Polizei gerufen. Ich hatte einfach keinen Bock mehr, dass mich Samstag Nacht halb drei, die extrem laute Schlagermusik der Eckkneipe, die durch die Häuserschluch dröhnt, vom Einschlafen abhält.

Lärm ist ein Problem, vor dem uns der Staat nicht umsonst mit Regeln und Gesetzten schützen will. Der Schutz des Einzelnen und seiner Unversehrtheit ist in unserer Verfassung garantiert. Lärm und dadurch verursachter Stress oder mangelnde Erholung können Ursache für Erkrankungen sein und das betrifft nicht nur alte Menschen oder junge Familien. Es ist also eine Frage des Respekts die Ruhebedürfnisse seiner Mitmenschen zu beachten.

Die allgemeine Nachtruhe versuchen wir beim Kultursommer so gut wie möglich zu schützen. 22 Uhr ist draußen Schluss und es geht drinnen weiter. Der Veranstaltungsraum wurde von uns bestmöglich gedämmt und wir bremsen unsere Musiker oft aus. Dauerhafte Musiklokale müssen aber deutlich mehr dämmen und sich um die Leute im Außenbereich kümmern. Das ist eine große Herausforderung, bei denen man den Betreibern aber helfen sollte, anstatt sie zu verklagen.

Und wer meint, der Brühl sei endgültig tot und die Kreativen sollen auf den Sonnenberg gehen, der hat keine Vorstellung davon, dass das Chemnitzer Problem sich nicht auf den Brühl oder den sog. Stadtkern konzentriert.

In meinen Vorstellungen (und denen vieler Anderer) soll der Brühl ein Viertel für Menschen mit frischen Ideen sein. Künstler aller Richtungen, Denker, Alternative, usw. Menschen die hier nicht nur wohnen, sonder leben und arbeiten! Ein solches Leben geht mit Geräuschen einher und wir Chemnitzer müssen den Pegel wohl erst erlernen. Aber die Gentrifizierung der Dresdner Neustadt geschah ja auch nicht über Nacht. Sollte diese Belebung trotz aller Widerstände stattfinden, werde ich mich sicher selbst erwischen, wie ich mich über den ein oder anderen Akteur aufrege. Und dann erinnere ich mich an diesen Text.

Bei den Kommentaren zur Atomino-Meldung habe ich mich sehr über das Rentner-Bashing geärgert. Denn soweit ich das die letzten Monate mitbekam, ist es die Mittelschicht, die sich am Meisten am Lärm stört. Das wurde mir besonders klar, als ich mit dem Hausbesitzer sprach. Der einfache Mann, der aber alles erreicht hatte. Familie, ein Haus, zwei Autos, eine eigene Firma. Ich fand es unglaublich frech, dass es sich diese Person erlaubte, anderen Menschen die Erfüllung ihrer Träume zu verweigern. Eine eigene Familie, ein Haus oder eine Eigentumswohnung in einer Gegend mit Gleichgesinnten, eine erfüllende, selbstbestimmte Arbeit.

Dieser Fehlende Respekt, vor den Bedürfnissen Anderer ist es aber auch, der die Freunde der Belebung gegen falsche Feindbilder aufwiegelt. Wir werden auch älter und gesetzter und erfreuen uns irgendwann nicht mehr an allem, was wir heute für unverzichtbar halten. Darum gilt es auch die zu respektieren, die uns unfreundlich gegenübertreten und ihre Gründe zu hinterfragen.

Um dem Konflikt Herr zu werden, könnten wir den Kreativen ein Abschiedsgeld zahlen und sie direkt nach Dresden oder Leipzig schicken. Ich spiele schon mit dem Gedanken, Leute zusammen zu trommeln und unsere Kreativität einer Stadt in Brandenburg zu schenken. Dort weiß man frischen Wind sicher zu schätzen.
Oder, die bisher so versprenkelt lebenden Chemnitzer Kreativen bündeln ihre Kräfte und zeigen mit ihrer schieren Masse, dass Chemnitz ein Künstlerviertel mehr als nötig hat. In einer Demokratie werden Entscheidungen durch Mehrheiten getroffen. So müssen wir alle, die diese Stadt nicht sterben lassen wollen, dazu bringen auf zu stehen.

Es wird ein langer, kraftraubender und aufregender Prozess, aber nur zusammen können wir die Zweifler überzeugen, die Gegner zu Nachbarn machen und unsere Träume für Chemnitz in die Realität umsetzen. Gebt eure Komfortzone auf und wagt mit uns ein Abenteuer!

Kreative aller Stadtteile vereinigt euch!

Anm. vom 30.8.: Bei dem o.g. Hausbesitzer handelt es sich nicht um Herrn Gruhle, der gegen die Ansiedlung des Atominos geklagt hatte.

7 Reaktionen zu Muss Chemnitz sterben, damit wir leben können?

  1. demnächst kommt auf das weltecho das selbe problem zu (PUNKT)
    die konsequenz lautet ein neues projekt (das wäre dann das 5(!!) wird es mit den gründern nicht geben (PUNKT)

  2. der bisher beste Kommentar zur Situation , verbreite das doch auch auf anderen Medien
    Danke !

  3. Klasse Text zu einem traurigen Anlass… Wohin müsste man sich denn wenden, um eine Plattform für ‘ne Kooperation der kreativen Chemnitzer zu finden? Ich finde das in höchstem Maße unterstützenswert!

  4. Gut geschrieben, recht hast du!
    Vorsicht im vierten Absatz, was der Vermieter betreibt ist kein Rassismus (denn es geht eben nicht um “Rassen”) sondern Diskrimminierung (er diskrimminiert Singles gegenüber Familien). Da kann dir schnell mal jemand als Bein pinkeln bei solchen Äußerungen.
    Aber das beiseite, es ist ein erlicher, guter Beitrag zur aktuellen Debatte!

  5. Auf der einen Seite sagst du “Eine räumliche Aufteilung in Interessengruppen halte ich übrigens für rassistisch”, dem kann ich voll zustimmen. Zumal es dem Zusammenleben generell besser tut, wenn eine gewisse Vermischung vorherrscht.
    Und wenige Absätze später sprichst du dich für ein Künstlerviertel aus. Also doch einer räumlichen Aufteilung.

    Vielleicht meinst du damit nicht, dass nur Kreative und deren Befürworter den Brühl beleben sollen. Sondern dass zusätzlich zum Durchschnittschemnitzer auch Künstler die Chance ergreifen sollten dort Fuß zu fassen.

    Und noch ein kleiner Hinweis: erst wird sich bewusst von Leipzig, Berlin und Dresden abgegrenzt. Danach wird eine Parallele zur Dresdner Neustadt gezogen. Scheint wieder ein Fall von Entscheidungsschwierigkeit zu sein :-P

    Und um beides abschließend unter einen Hut zu bringen: Die Neustadt bietet Künstlern vor allem Möglichkeiten sich zu präsentieren. Sei es mit kleinen Läden, Galerien oder Bars für Auftritte. So etwas zu schaffen ist durchaus wichtig. Aber man sollte das ganze wohl langsam entwickeln. Der Mensch sperrt sich nun mal gegen Veränderung von Außen.

  6. @OpenMind Deine Interpretation ist richtig. Mit den Chemnitzer Kreativen könnte man wohl auch kaum das ganze Viertel füllen ;)

    Bezüglich der Vergleiche zu Neustadt: Chemnitz versucht ja auch hier den zweiten vor dem Ersten Schritt zu tun und gleich mit einem gentrifizierten Viertel zu starten. Darum braucht es Akteure, die eigenen Ideen verwirklichen, unabhängig von stadtplanerischen Gedankenspielen.